Damals... Persönliche Erinnerungen und Anekdoten

Diese Seite enthält eine Auswahl der interessantesten Zuschriften oder Forums-Beiträgen von Zeitzeugen. Ich belasse sie unkommentiert, so dass sich jeder sein eigenes Bild von den Erinnerungen machen kann. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes sind die Autoren nur mit Vornamen (oder Mitgliedsnamen im Forum) genannt; ich behalte mir vor, Zuschriften zu kürzen, ohne die Aussage zu verfälschen.

Hinweis: bitte nutzt das Forum, um eure eigenen Meinungen und Erlebnisse zu veröffentlichen. Geeignete Beiträge werde ich in diese Rubrik übernehmen.

 

"Unter dem Dach war das einzige Badezimmer im Haus"

Bernd-Dieter Lott, 23. Dezember 2013 (per Mail)

Vom Herbst 1972 bis zum Frühjahr 1973 war in diesem Gebäude das Berufsförderungswerk Goslar untergebracht, da die Bauarbeiten an der Schützenallee noch nicht abgeschlossen waren. Ich selber habe dort meine Umschulung zum technischen Zeichner begonnen. Ich war mit zwei Mitstreitern im ersten Stock in einem großen Zimmer mit einer Art vorgelagerten, geschlossenen Veranda untergebracht. Ingesamt haben wir dort mit etwa 40 Umschülern gewohnt. Im Erdgeschoss war ein Speisesaal mit angeschlossener Küche. Auch unser Schulungsraum war im Erdgeschoss. Unter dem Dach war das einzige Badezimmer im Haus, welches wir nutzen konnten. Wahrscheinlich waren dort zu Sanatoriumszeiten die Krankenschwestern untergebracht.

 

"Das Haus habe ich geliebt"

Elke, 25. Oktober 2009 (per Mail)

Ich habe 1977 als Kinderpflegerin im Königsberg-Sanatorium gearbeitet. Allerdings nur für ungefähr 4 Monate, da ich noch sehr jung war und die Arbeit mit den behinderten Kindern mich seelisch zu sehr mitnahm. Aber das Haus habe ich geliebt. Ich habe auch die Kinder geliebt, aber war dem ganzen nicht gewachsen. Ich errinnere mich noch sehr gut an das Flachdach, welches man von unserer Gruppe aus über eine Feuerleiter erreichen konnte. Sehr oft haben meine Kolleginnen und ich uns in unseren Freistunden da oben gesonnt.

Noch etwas zu den Gerüchten: soweit ich mich errinnern kann, war das Essen voll in Ordnung. Wir als Angestellte haben dort auch gegessen und es hat geschmeckt. Die Kinder, die es brauchten, bekamen auch besondere Kost und Diät. Ebenso waren auch zu meiner Zeit die sanitären Anlagen in Ordnung. Wir hatten in unserer Gruppe ein komplettes Bad mit WC und noch ein WC extra. Unsere Kinder hatten 2-Bett-Zimmer. Es gab einen großen Spielplatz und die Anlagen waren sehr gepflegt.

Heute wohne ich in Bremen, werde aber mit meinen Kindern (beide 12 Jahre) beim nächsten Besuch im Harz mal auf den Spuren der Vergangenheit wandeln. Schade nur, dass ein Feuer alles zerstört hat.

 

"Ein bißchen gruselig "

Kerstin, 28. Juni 2009 (per Mail)

Anfang der 80er arbeitete ich bei einem Kinderarzt in Goslar, der eine Zeit lang regelmäßig die Bewohner des Heimes betreute. Manchmal kamen sie zu uns in die Praxis, regelmäßig fuhren wir auch hin. Als ich das erste Mal dort war, fand ich es auch ein bißchen "gruselig". Es stimmt zum Teil auch, dass es dort nicht immer so frisch roch. Allerdings war mein Eindruck über diese Zeit in der wir dort tätig waren, ein guter. Schwer körperlich und oder geistig behindert zu sein sieht nun mal nicht toll aus. Das diese Menschen Stuhlgang oder Urinabgang nicht unter Kontrolle haben, daher Windeln tragen müssen, man ferner bedenkt, dass es sich nicht um Kleinkinder handelt, ist ein gewisser Geruch vermutlich normal.

Was gewisse Gerüchte über Mißhandlungen angeht, kann ich das nicht beurteilen, aber ich selber musste regelmäßig die Wunden eines kleinen Jungen verbinden, der sich selber Stücke aus seinen Armen gebissen hatte. Ein anderer keiner Kerl schlug seinen Kopf dauernd auf den Boden oder gegen eine Wand, er trug deshalb einen Helm.

Und was den Mißbrauch angeht: eine damalige Mitarbeiterin - ich glaube, sie war die neue Heimleiterin - hatte einen Mißbrauch aufgedeckt. Ein Mädchen wurde damals von ihrem Vater oder Stiefvater mißhandelt, wenn es zu Hause zu Besuch war.

 

"Die schlimmsten Erfahrungen meines Berufslebens"

Komoro, 22. Januar 2007 (Forums-Beitrag)

"Ich habe vor ca. 30 Jahren im Rahmen meiner Ausbildung zur Erzieherin ein 6-wöchiges Praktikum im Königsberg-Sanatorium absolviert. Für mich waren die damaligen Erfahrungen die schlimmsten meines Berufslebens! Zum Beispiel worden schwerstbehinderte Kinder nackt in einen Raum gesperrt. Außer ihren eigenen Exkrementen gab es nichts in diesem Raum. Die Kinder worden dort nicht gefördert, sondern weggesperrt!

Sicher haben einige der damals Beschäftigten versucht, das Beste aus der Situation zu machen, allerdings haben die meisten engagierten Mitarbeiter schnell "das Handtuch geschmissen" und sich nach einem anderen Arbeitsplatz umgeschaut. Mir taten die Kinder leid und war froh als ich von der Schließung erfuhr."

 

"Wir haben alles für unsere Kinder getan"

alleswirdgut, 20. Januar 2007 (Forums-Beitrag)

"Ich habe von 1977 bis 1982 dort gearbeitet, 1977 habe ich dort mein Anerkennungsjahr als Erzieherin absolviert, das von der hiesigen Fachschule für Sozialpädagogik begleitet wurde. Es wurden nie Experimente an den Kindern vorgenommen und es existiert auch kein Kinderfriedhof. Die Kinder wurden weder misshandelt noch missbraucht. Jeder, der solche Gerüchte in Umlauf setzt sollte sich bewusst sein, dass heute noch viele ehemalige Mitarbeiter des Kinderheims hier in Goslar leben und man schnell eine Verleumdungsklage am Hals hat!

Wir haben sicherlich damals unter erschwerten Umständen gearbeitet, aber wir haben auch alles für "unsere" Kinder getan, alles was möglich war. Ein Hauptgrund für die Auflösung des Heimes war die Schulpflicht für geistig behinderte Kinder, denn die Stiftung hatte keine stiftungseigene Schule vorzuweisen. Damals war das Herzberghaus (ebenfalls ein Stück verschwundenes Goslar) angedacht und wurde von der Stiftung für diesen Zweck gekauft. Es kam nie zu den Umbauten, das Heim wurde geschlossen und die Kinder wohnortnah (d.h. nah bei den Eltern ) untergebracht."

 

"Menschenunwürdige Lebensverhältnisse"

FaXe, 20. Januar 2007 (Forums-Beitrag)

"Ein Kumpel war in seiner Schulzeit in einer Art AG, die das Sanatorium besucht haben. Nach seinem ersten Besuch ist er nicht wieder mitgegangen und meinte, dass er den Geruch von dort noch heute in der Nase hat. Es hat dort seiner Aussage nach doll nach Urin und Kot gestunken. Einige Kinder waren an Rollstühle fixiert und haben vor sich hingestarrt. Im Ganzen waren die Lebensverhältnisse menschenunwürdig. Die Kinder wurden wie Tiere gehalten und auch so behandelt. Wie gesagt, ich kann nur das wieder geben was mir erzählt wurde, aber ich habe keinen Zweifel an seinen Aussagen."

 

"Gewaltsam fixiert und ruhig gespritzt"

Julian, 25. November 2006 (per Mail)

"Ich finde es gut, dass sich mal jemand dafür so interessiert und forscht. Durch einen Zeitzeugen konnte ich auch etwas von der Geschichte aufgreifen. Gegen Ende haben nicht nur geistig behinderte Kinder dort gewohnt, sondern auch psychisch kranke und schwer erziehbare Kinder. Soweit ich weiß hat dort ein Arzt gearbeitet, der auffällige Kinder mit Medikamenten zugepumpt haben soll. Wer aufmuckte, wurde gewaltsam am Bett fixiert und ruhig gespritzt. Weiter gab es mehrere Anzeigen von Bürgen aus der Stadt sowie ehemaligen Mitarbeitern wegen gewaltsamer Misshandlungen. Und es gab dort auch definitiv einen Todesfall, den der Zeitzeuge miterlebt hatte - ein suizid-gefährdetes Kind ist aus einem Fenster gesprungen."

 

"Kahlköpfig mit einer Axt in der Hand"

Adelheit, 14. Oktober 2006 (per Mail)

"Ich hatte als Fernmeldehandwerkerin im Königsberg-Sanatorium einst Kabel außen am Haus zu verlegen, als eine kleine Gruppe Kinder mit ihren Betreuern von einem Spaziergang zurückkamen. Eine Betreuerin war eine ehemalige Schulkameradin von mir. Sie lud mich ins Haupthaus auf eine Tasse Tee ein. Dieser Einladung folgte ich gerne, verbrachte so meine Mittagspause mit den Kindern und Betreuern. Ich schaute mich ein wenig um. Auf der Flurtreppe saß ein Junge mit Kahlkopf (er sah wirklich fern aller Sinne aus), grinsend und kopfschüttelnd, eine große Axt in der Hand haltend. Er fuchtelte damit rum und freute sich seines Lebens. Ein paar Kinder standen um ihn herum. Ich war fassungslos, ängstlich, und rief der Betreuerin (meiner Bekannten) zu, sie soll dem Jungen die Axt wegnehmen. Sie lachte und sagte: "Der tut nichts, ist völlig harmlos, tut keiner Fliege was." Mir blieb nichts zu sagen, meinen Blick konnte ich nicht von dem Jungen lassen... Ich konnte einfach nicht verstehen, wie sorglos die dort mit den Kindern umgehen (oder nicht umgehen!?)."

 

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